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Bericht zum Mißbrauch in Norwegen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von pethens   
Montag, 8. März 2010
Wenig beachtet von der Weltöffentlichkeit hat es in Norwegen in den letzten Jahren verschiedene Untersuchungen zu den Kinderheimen von 1950 bis 1990 gegeben. Mehrere wissenschaftliche Arbeiten sind hierzu erschienen. Eine der jüngsten ist die Arbeit von Helene Hanssen, Associate Professor in Social Work an der Universität in Stavanger. Der Bericht erschien in der Zeitschrift "IUC Journal of Social Work, Theory & Practice, 15 (2007/2008)".
Ohne hier die Struktur der Kinderheime, die in der Regel kleiner waren als in Deutschland, teils 60 bis 70 Kinder, ab den 60ziger Jahren 10 bis 15 Kinder, ausführlich zu beschreiben, interessiert uns hier die Frage, worin sich die Situation in Norwegen von der in Deutschland unterscheidet.

Interessant ist ein solcher Vergleich deshalb, weil hier der Zeitraum dargestellt wird, mit dem sich auch der "Runde Tisch Heimerziehung in den 50ziger und 60zigern Jahren" beschäftigt. Die Darstellung, die Helene Hanssen liefert, kann für ganz Norwegen gelten. Ausgelöst wurden die Untersuchungen durch Berichte ehemaliger Heimkinder, die in Tageszeitungen erschienen. Hier wurde von Mißhandlung, Mißbrauch, Vernachlässigung und Isolation berichtet. Je mehr ehemalige Heimkinder ihre Geschichte öffentlich machten, desto weniger konnte die Norwegische Gesellschaft die Vorgänge ignorieren.  Gegenüber Deutschland liegen die rechtlichen Verhältnisse in Norwegen jedoch etwas anders. Stärker als in Deutschland hat der Staat auf die Heime eingewirkt, einige standen auch unter der Leitung religiöser Gruppen.
Während in Deutschland Kinder in Einrichtungen der staatlichen Jugendfürsorge untergebracht wurden, wenn sie zu "verwahrlosen drohten", waren die Heime in Norwegen für verhaltensauffällige Kinder gedacht. Wichtig ist, daß ab 1954 in Norwegen die körperliche Züchtigung als Erziehungsmittel in Heimen verboten war. Es zeigte sich aber, daß die körperliche Züchtigung bis in die späten 70ziger Jahre hinein ein zentrales Mittel der Disziplinierung war. Diese Mißhandlung wird oft als äußerst brutal beschrieben. Die Bestrafung erfolgte oftmals unerwartet und ohne die Möglichkeit des Kindes, sie mit einem konkreten Anlaß in Verbindung zu bringen. Demütigungen waren an der Tagesordnung: körperliche Strafen, teils nackt, Demütigungen, auch im Beisein anderer Kinder, Essenzwang, Verhöhnung bei Einnässen oder ähnlichen Vorkommnissen. Verächtlichmachung der Herkunftsfamilie. Als Beleidigend wurde die Drohung empfunden, den Kontakt zur Familie zu unterbinden, wenn die Kinder sich nicht fügten. Berichtet wird auch von sexuellem Mißbrauch durch die Erzieher oder Angestellte der Einrichtungen. Die meisten waren Jungen, die sowohl von Männern wie von Frauen mißbraucht wurden. Auch der sexuelle Mißbrauch der Kinder untereinander soll nicht gering gewesen sein. In den Schulen soll es unter den Kindern ebenfalls zum sexuellen Mißbrauch gekommen sein. Ein sexueller Mißbrauch an Schulen durch Erwachsene wird bisher jedoch nicht berichtet. Die emotionalen Bedürfnisse der Kinder fanden keine Befriedigung. Sie wurden nicht als Personen, sondern immer nur als Teil der Gruppe gesehen. Doch berichteten Kinder auch von warmherzigen Erziehern, die aber niemals lange in diesen Einrichtungen blieben. Geschwister waren oftmals getrennt. Vielen hatten keinen Kontakt zu ihren Familien. Das Verhältnis der Kinder untereinander war oft rauch und beleidigend bis hin zum sexuellen Mißbrauch, was auf mangelnde Aufsicht der Erzieher zurückgeführt wird. Kinder, die zu spät zum Essen kamen, mußten ohne Essen gehen; Kinder, die ihren Teller nicht leerten, bekamen ihn solang vorgesetzt, bis sie die Speisen aufgegessen hatten, ohne etwas anderes zum Essen zu erhalten. Für Schulaufgaben war Nachmittags eine Stunde reserviert. Die Heimkinder galten nicht als besonders klug. Anregungen für das spätere Leben gab es keine. Kinder, die lernen wollten, mußten darum kämpfen. Was bisher in Norwegen fehlt, wenigsten im Bericht von Helene Hanssen, ist die Zwangsarbeit, denen Jugendliche in Deutschland in Erziehungsheimen ausgesetzt waren. Vielleicht liegt das aber auch nur an den Einrichtungen, die der Untersuchung zugrunde gelegen haben. -  Demjenigen, der mit den deutschen Verhältnisse vertraut ist, dürften diesen Schilderungen sehr vertraut sein. Sie machen deutlich, daß das, was in Deutschland geschehen ist, nicht ein Ausrutscher ist. Es ist Teil eines System, Teil einer Struktur, die zu systematischen Mißhandlungen, Demütigungen bis hin zum sexuellen Mißbrauch führten. Der "Runde Tisch Heimerziehung in den 50ziger und 60ziger Jahren" will diese systematischen Mißhandlungen nicht wahrhaben. Deutsche Heimkinder haben immer noch ein Glaubwürdigkeitsdefizit. Aber vielleicht schaut der "Runde Tisch" mal über den Tellerrand und nimmt zur Kenntnis, war unter dem System "Heimerziehung" in anderen Ländern möglich war. Dann wird auch erkannt, daß es ein "System Heimerziehung" ohne "systematische Handlungsweisen" nicht geben kann.

Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 9. März 2010 )
 
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