|
Wenig beachtet von der Weltöffentlichkeit hat es in Norwegen in den letzten
Jahren verschiedene Untersuchungen zu den Kinderheimen von 1950 bis 1990
gegeben. Mehrere wissenschaftliche Arbeiten sind hierzu erschienen. Eine der
jüngsten ist die Arbeit von Helene Hanssen, Associate Professor in Social Work
an der Universität in Stavanger. Der Bericht erschien in der Zeitschrift "IUC
Journal of Social Work, Theory & Practice, 15 (2007/2008)".
Ohne hier die Struktur der Kinderheime, die in der
Regel kleiner waren als in Deutschland, teils 60 bis 70 Kinder, ab den 60ziger
Jahren 10 bis 15 Kinder, ausführlich zu beschreiben, interessiert uns hier die Frage, worin sich die Situation in Norwegen von der in
Deutschland unterscheidet.
Interessant ist ein solcher Vergleich deshalb, weil hier
der Zeitraum dargestellt wird, mit dem sich auch der "Runde Tisch Heimerziehung
in den 50ziger und 60zigern Jahren" beschäftigt. Die Darstellung, die Helene
Hanssen liefert, kann für ganz Norwegen gelten. Ausgelöst wurden die
Untersuchungen durch Berichte ehemaliger Heimkinder, die in Tageszeitungen
erschienen. Hier wurde von Mißhandlung, Mißbrauch, Vernachlässigung und
Isolation berichtet. Je mehr ehemalige Heimkinder ihre Geschichte öffentlich
machten, desto weniger konnte die Norwegische Gesellschaft die Vorgänge
ignorieren. Gegenüber Deutschland liegen die rechtlichen Verhältnisse in
Norwegen jedoch etwas anders. Stärker als in Deutschland hat der Staat auf die
Heime eingewirkt, einige standen auch unter der Leitung religiöser Gruppen.
Während in Deutschland Kinder in
Einrichtungen der staatlichen Jugendfürsorge untergebracht wurden, wenn sie zu
"verwahrlosen drohten", waren die Heime in Norwegen für verhaltensauffällige
Kinder gedacht. Wichtig ist, daß ab 1954 in Norwegen die körperliche Züchtigung
als Erziehungsmittel in Heimen verboten war. Es zeigte sich aber, daß die
körperliche Züchtigung bis in die späten 70ziger Jahre hinein ein zentrales
Mittel der Disziplinierung war. Diese Mißhandlung wird oft als äußerst brutal
beschrieben. Die Bestrafung erfolgte oftmals unerwartet und ohne die Möglichkeit
des Kindes, sie mit einem konkreten Anlaß in Verbindung zu bringen. Demütigungen
waren an der Tagesordnung: körperliche Strafen, teils nackt, Demütigungen, auch
im Beisein anderer Kinder, Essenzwang, Verhöhnung bei Einnässen oder ähnlichen
Vorkommnissen. Verächtlichmachung der Herkunftsfamilie. Als Beleidigend wurde
die Drohung empfunden, den Kontakt zur Familie zu unterbinden, wenn die Kinder
sich nicht fügten. Berichtet wird auch von sexuellem Mißbrauch durch die
Erzieher oder Angestellte der Einrichtungen. Die meisten waren Jungen, die
sowohl von Männern wie von Frauen mißbraucht wurden. Auch der sexuelle Mißbrauch
der Kinder untereinander soll nicht gering gewesen sein. In den Schulen soll es
unter den Kindern ebenfalls zum sexuellen Mißbrauch gekommen sein. Ein sexueller
Mißbrauch an Schulen durch Erwachsene wird bisher jedoch nicht berichtet. Die
emotionalen Bedürfnisse der Kinder fanden keine Befriedigung. Sie wurden nicht
als Personen, sondern immer nur als Teil der Gruppe gesehen. Doch berichteten
Kinder auch von warmherzigen Erziehern, die aber niemals lange in diesen
Einrichtungen blieben. Geschwister waren oftmals getrennt. Vielen hatten keinen
Kontakt zu ihren Familien. Das Verhältnis der Kinder untereinander war oft rauch
und beleidigend bis hin zum sexuellen Mißbrauch, was auf mangelnde Aufsicht der
Erzieher zurückgeführt wird. Kinder, die zu spät zum Essen kamen, mußten ohne
Essen gehen; Kinder, die ihren Teller nicht leerten, bekamen ihn solang
vorgesetzt, bis sie die Speisen aufgegessen hatten, ohne etwas anderes zum Essen
zu erhalten. Für Schulaufgaben war Nachmittags eine Stunde reserviert. Die
Heimkinder galten nicht als besonders klug. Anregungen für das spätere Leben gab
es keine. Kinder, die lernen wollten, mußten darum kämpfen. Was bisher in
Norwegen fehlt, wenigsten im Bericht von Helene Hanssen, ist die Zwangsarbeit,
denen Jugendliche in Deutschland in Erziehungsheimen ausgesetzt waren.
Vielleicht liegt das aber auch nur an den Einrichtungen, die der Untersuchung
zugrunde gelegen haben. - Demjenigen, der mit den deutschen Verhältnisse
vertraut ist, dürften diesen Schilderungen sehr vertraut sein. Sie machen
deutlich, daß das, was in Deutschland geschehen ist, nicht ein Ausrutscher ist.
Es ist Teil eines System, Teil einer Struktur, die zu systematischen
Mißhandlungen, Demütigungen bis hin zum sexuellen Mißbrauch führten. Der "Runde
Tisch Heimerziehung in den 50ziger und 60ziger Jahren" will diese systematischen
Mißhandlungen nicht wahrhaben. Deutsche Heimkinder haben immer noch ein
Glaubwürdigkeitsdefizit. Aber vielleicht schaut der "Runde Tisch" mal über den
Tellerrand und nimmt zur Kenntnis, war unter dem System "Heimerziehung" in
anderen Ländern möglich war. Dann wird auch erkannt, daß es ein "System
Heimerziehung" ohne "systematische Handlungsweisen" nicht geben kann.
|