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Geschrieben von pethens   
Mittwoch, 10. März 2010
Vor vier Wochen hätte sich kaum einer vorstellen können, welche Breitenwirkung inzwischen die Diskussion um den sexuellen Mißbrauch an Kindern gewonnen hat. Nun überschlagen sich gar die Vorschläge. Nicht nur Verlängerung oder Abschaffung der Verjährung wird gefordert, sondern auch die Verschärfung des Strafmaßes (CSU). Was hier zu tun ist, ergibt sich freilich aus der Eigenart, wie Opfer von der Tat betroffen sind und die Taten verarbeiten. Das muß der Maßstab sein, an dem sich alles auszurichten hat.

Sicher wird man über Strukturen nachdenken müssen, die einen Mißbrauch erschweren. Doch darf der präventive Aspekt gegenüber den Opfern der Vergangenheit nicht vernachlässigt werden, sonst ist das System von vorne herein mit einer mangelnden Glaubwürdigkeit belastet. Der Staat muß zeigen, daß es ihm mit dem Schutz der Kinder vor sexuellem Mißbrauch Ernst ist, und das gelingt nur, wenn das Problem als ein Ganzes gesehen wird.Im Lichte der öffentlichen Diskussion werden immer neue Fälle bekannt. Mit ihnen ist Erschrecken, Betroffenheit, Wut und Erschütterung alles dessen verbunden, was dem einen oder anderen Menschen heilig ist.

Auch auf Österreich schwappt die Diskussion nun verstärkt über. Hier glaubte man lange, mit der Erledigung des Falles von Kardinal Groër die Sache unter Kontrolle zu haben. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Der Abtprimas von St. Peter in Salzburg tritt von seinem Amt zurück, Pfarrer legt sein Amt nieder, Pfarrer wird beurlaubt etc., etc. etc. Wie zu hören ist, breitet sich unter den Kirchenangestellten inzwischen eine erhebliche Frustration aus. Sie fühlen sich zu Unrecht verdächtigt. Doch, so ist die Frage, liegt das vielleicht daran, daß innerhalb der Kirche das Problem nicht tiefgreifend und entschieden genug angegangen wurde. Ohne Frage, die Kirche trägt einen erheblichen Anteil an der gegenwärtigen Situation. Es fragt sich, ob die ecclesia semper reformata überhaupt die Kraft hat, sich aus dem Schlamasell herauszuarbeiten. Hatte Benedict XVI. mit seinem Lehrschreiben "Deus est caritas" nicht für einen Augenblick Hoffnung auch auf eine neue Bewertung der Sexualmoral geweckt?

Doch all das rutscht wieder in die scholastischen Formen, wie sie im 19. Jahrhundert ausgebildet wurden. Die Kirche ist in ihrer Sexualmoral mindestens der Zeit um 200 Jahre zurück. Die Kirchenleute wollen offenbar nicht begreifen, daß ihr Moralsystem nicht göttlichen Ursprungs ist. Bis heute gibt es kein einziges moralisches Dogma. Das Moralsystem ist von Menschen gemacht, von Menschen, die sich durchaus unter den Anspruch Gottes sehen, aber dennoch bleibt es Menschenwerk und ist deshalb auch von Menschen wieder zu ändern. ----- Die Aktualisierung einer Morallehre besteht nicht in ihrer litaneihaften Wiederholung, sondern in ihrer Anpassung an das, was die Menschen in der Begegnung mit den Menschen Beglückendes erfahren. Wird die Kirche, wie im Zweiten Vatikanun die Kraft finden, die Fenster aufzureißen und frischen Wind hereinzulassen? Wenn nicht, dann werden in Zukunft Mißbrauchsfälle die Kirche auch weiterhin erschüttern.

Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 11. März 2010 )
 
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