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Abriß des Köln Sülzer Kinderheimes! PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von pethens   
Donnerstag, 13. Mai 2010

Einen Einblick in die gespaltene Seele von ehemaligen Heimkindern gewährt seit einigen Wochen ein spezielles Forum, das für Ehemalige des Kindesheimes Köln-Sülz eingerichtet wurde. Hier suchen und finden mitunter Betroffene alte Freunde und Leidensgenossen. Das Kölner Kinderheim kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Das Sülzer Heim wurde im ersten Weltkrieg bezogen. Es war katholisch ausgerichtet und zunächst von Nonnen des Ordens der Schwestern vom armen Kinde Jesu betreut. Wenige Jahre später kam ein evangelischer Ableger in Köln Brück hinzu. Der zweite Weltkrieg brachte Evakuierungen ins Eifelkloster Steinfeld und nach Duderstadt. Ableger bestanden im Eifelstädtchen Adenau und auf der Nordsee-Insel Föhr im Städtchen Wyk. Eifel und Nordsee waren aus gesundheitlichen Gründen eingerichtet worden. Adenau und Steinfeld waren im zweiten Weltkrieg zudem Lazarette der Wehrmacht.


Als zu Ende der 50ziger Jahre die Neubauphase des Sülzer Heimes begann, wurden Gruppen ins Caritas Haus St. Elisabeth nach Koblenz-Arenberg ausgelagert. Für wenige Jahre fanden zwei Gruppen von Taubstummen der Landesgehörlosenschule im Sülzer Heim Aufnahme. Mit Kindern und finanziellen Mitteln wurden von der Stadt weitere Einrichtungen im Kölner Raum versorgt. Enge Beziehungen gab es zu den Heimen der Schwestern vom armen Kinde Jesu in Kalk, Schlebusch, Lohmar, auch zum evangelischen Küpper-Stift in der Kerpenerstraße und wenig rühmlich nach Marienhausen bei Rüdesheim.

01_waisenhaus_kln.jpg

Große Teile der Freiflächen des Sülzer Heimes waren zunächst zum Anbau von Obst und Gemüse bestimmt. Rote Tomaten, Stachelbeeren und Johannisbeeren lockten paradiesisch verführerisch, eine Verlockung, der nachzugeben mit einer wenig paradiesischen Strafe endete. In den letzten Jahren waren diese Freiflächen zu Gartenanlagen, dann zu Spielplätzen umgestaltet. Besonderer Beliebtheit erfreute sich ein Schwimmbecken, neben dem Fußballplatz, in das eine Weide ungehindert ihre Blätter hineinrieseln ließ. Ein paar Jahre später wurde es in die unmittelbare Nähe des Säuglingsheimes verlegt und verschwand schließlich ganz. Ein betonierte Fahrweg lud zum Rollschuhfahren ein; die Freifläche des Fußballplatzes zu verschiedenen Ballspielen, wo denn vor gut 50 Jahren ein Junge beim Schlagball einen Herzschlag bekam und verstarb. Die Aufteilung der Freiflächen, auf denen sich auch ein paar Klettergerüste, Schaukeln und Sandkästen befanden, scheint in alter Zeit interessanter, zumindest abwechslungsreicher gewesen zu sein. Hinzu kam dann noch ein Schweinestall und eine Federviehhaltung, die nur insofern von Interesse war, als man ausgerissene Hühner wieder zurückscheuchte oder über den Zaun ins Gehege warf. Alles das verschwand nach und nach und nun der Abriß.

02__abriss_kinderheim.jpgDer Abriß von Gebäuden wurde Ende der 50ziger und Anfang der 60ziger Jahren von den damaligen Heimkindern überhaupt nicht bedauert. Es hatte sogar riesigen Spaß gemacht, in einer Schulpause mit vereinten Kräften die Fensterscheiben des alten Knabenhauses einzuwerfen. Ein pädagogischer Sturm der Entrüstung rauschte durch alle Räume des Heimes. Ein strenges Verbot wurde ausgesprochen. Den Grund konnte kein Kind verstehen, denn in den nächsten Tagen fiel das Gebäude samt Fensterscheiben der Abrißbirne zum Opfer. Heute hingegen, wenn man die Beiträge jüngerer Ehemaliger liest, wird der Abriß des Heimes bejammert und beklagt, als Verlust eines Stückes Heimat, als Verlust des Zuhause empfunden. In Beiträgen älterer ist jedoch zu lesen, daß sie das Heim nach ihrer Entlassung nie wieder betreten  oder einen großen Bogen um es gemacht haben. Diese unterschiedliche Haltung, Anziehung und Abstoßung, mag einen tieferen Grund haben. Bei den älteren mag die negative Erfahrung des Heimaufenthaltes überwiegen, bei den jüngeren nicht oder noch nicht. Auch 1960 würden Kinder im Heim gesagt haben, daß es dort schön ist, 30 Jahre später sind sie eines besseren belehrt. Die Verarbeitung und Bewertung der eigenen Heimerfahrung unterliegt einem geschichtlichen Wandel. Sich diesem zu stellen ist eine jeweils individuelle Aufgabe. Vom jeweiligen Stand der Lösung dieser Aufgabe her wird auch das Heim in einem anderen Licht erscheinen. Und dabei kann es geschehen, daß insgesamt gesehen, die gegenwärtige Differenz sich in eine einheitliche Sicht der Heimzeit auflöst.

 

Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 13. Mai 2010 )
 
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