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Selbstfindung eines Heimkindes! PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von pethens   
Samstag, 15. Mai 2010
"Die verlorene Kindheit des Alexander H. "; ein eindrucksvolles, erschütterndes und lehrreiches Zeugnis aus dem Jahr 1981. Der Film wurde diese Woche bei 3Sat zur später Stunde gezeigt. Es geht um Alexander Markus Homes, der im Alter von 1 1/2 Jahren ins Kinderheim kam und dort 15 Jahre verbrachte. Die Reportage von Bernd Wiegmann, der an Homes Verletzlichkeit und Aggressivität wahrnimmt, zeigt eine Reflexion auf diese Jahre. Homes will begreifen, "warum er sich fremd fühlt unter anderen". Das Ergebnis vorwegnehmend erklärt Homes, daß er erkannt habe, "was die Heimerziehung mit mir gemacht hat". Dann folgt eine Aufzählung: gefühlsarm, gefühlskalt, vereinsamt. Später kommen ergänzend hinzu: Anpassungsschwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten, Außenseiterrolle, Kontaktschwierigkeiten, Ängstlichkeit, Verklemmtheit und Suizidgefährdung. Homes, der berichtet, daß er das Heim zunächst als sein Zuhause begriff, daß es ihn auch später immer wieder dorthin zog, daß geradezu eine emotionale Abhängigkeit zu diesem Heim bestand, macht eine Wandlung und einen Reifungsprozeß durch und lernt dadurch das Heim erkennen als das, was es ist, eine Einrichtung zwischen Lebenshilfe und Beugehaft.

Manches, was Homes berichtet, ist auch anderen Heimkindern durchaus bekannt, scheint gleichsam eine Kollektiverfahrung von Heimkindern zu sein in einer Zeit, wo die äußere Ordnung das Ziel der Heimpädagogik war. Die Schwestern im Heim, so hebt Homes hervor, hatten den Kindern keine Zeit gewidmet, sind nicht näher auf sie eingegangen, haben sich keine Zeit für die Kinder genommen. Strafen gab es, Taschengeldkürzung, Prügel, kalte Duschen, Essensentzug, langes Stehen im Flur, also gegenüber dem, was heutezutage alles bekannt wird, eher harmlose Strafmaßnahmen, und doch prägten sie ein Schicksal.

Die Selbstanalyse Homes, den Wiegman als "Beobachter seines eigenen Schicksals" bezeichnet, würde man einem Heimkind kaum zutrauen, erst recht nicht Homes, den man mit sieben Jahren ins St. Vincenz-Stift nach Aulhausen verlegte, eine Einrichtung für lern- und geistige Behinderte. Dieses Haus, zu dem heute auch der Komplex des ehemaligen Erziehungsheims Marienhausen gehört, das von 1924 bis 1991 durch die Salesianer Don Boscos geführt wurde und durch Jürgen Bartsch eine traurige Berühmheit erlangte, ist in jüngster Zeit ins Gerede gekommen durch den Vorwurf des sexuellen Mißbrauchs des Pfarrers Rudolf Müller, der von 1958 bis zu seinem Tod 1970 das St. Vincenzstift leitete (Zur Zeit wird die Geschichte dieser Einrichtung wissenschaftlich durch das Kirchengeschichtsinstitut an der Universität Bochum aufgearbeitet). Die Verlegung in diese Einrichtung für lern- und geistige Behinderte war für Homes ein Schock. Doch er hatte den Willen, dies nicht auf sich sitzen zu lassen. Er fand verständnisvolle Sozialarbeiter und Pädagogen, die ihm Mut machten, trotz des Abgangszeugnisses einer Sonderschule fehlende Schulabschlüsse nachzuholen. Der Hauptschulabschluß gelang, die Versuche, die Realschule erfolgreich zu beenden, scheiterten jedoch. Und dann geschah etwas, womit wohl kaum einer rechnen konnte. Homes begann Bücher zu schreiben, darunter die Titel "Prügel vom lieben Gott eine Heimbiographie" und "Heimerziehung - Lebenshilfe oder Beugehaft?", wozu Günter Wallraff ein Vorwort schrieb. Der Start ins Leben war denkbar schlecht und dennoch nahm Homes die Herausforderung des Lebens an, sich als Heimkind nicht unterkriegen zu lassen. Das fordert Respekt und Anerkennung ab, verleitet aber auch dazu, sein Schicksal mit dem Schicksal anderer Heimkinder zu konfrontieren.

Verhaltensauffälligkeiten und alte Verhaltensmuster halten sich bei den meisten Heimkindern durch, machen sie für den, der zu beobachten weiß, jederzeit erkennbar, auch wenn sich diese Muster im Laufe der Zeit vielleicht abschwächen könnten. Beobachtbar ist dies etwa im Forum, das für Ehemalige Insassen des Köln Sülzer Kinderheimes eingerichtet wurde. Nicht nur scheinen in den Forumsbeiträgen neben alten Freundschaften alte Revalitäten zwischen Häusern, Gruppen und einzelnen Kindern wieder auf, sondern vor allem eine gute Portion Aggressivität. Sie geht über das Maß einer sachlichen Auseinandersetzung, über den Streit um Meinungsverschiedenheiten hinaus. Und das ist allemal verdächtig. Nicht der Ort, sondern die Zeit bringt dann eine weitere Differenz. Ältere Teilnehmer des Forums scheinen begriffen zu haben, was mit ihnen geschehen ist. Sie sind eher zurückhaltend, vielleicht weil sie sich der eigenen Verletzlichkeit bewußt geworden sind, die zuzulassen sie zwar gelernt haben, der sie sich jedoch nicht gern aussetzen wollen. Jüngere Teilnehmer nutzen das Forum hingegen als Tummelplatz wie ehedem die Freiflächen des Heimes als Spielplatz. Dabei sind durchaus retardierende Momente erkennbar. Man schwärmt in Nostalgie und singt das Hohe Lied einer glücklichen Heimexistenz. Erstaunlich und überraschend zugleich, gibt es doch objektive Gründe, weshalb das Heim abgerissen wird, die nicht nur in den Kosten, sondern auch in einer ungenügenden Pädagogik liegen.

Daß das Herz an ein Kinderheim gehängt wird, mag Gründe haben. Die Kindheit ist ein Paradies, aus dem man nicht gern vertrieben sein möchte. Erwachsenwerden heißt aber sich abzunabeln, dieses Paradies zu verlassen. Möglicherweise läßt die augenblickliche Situation jüngerer ehemaliger Heimkinder eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Heimzeit nicht zu. Sie würde zuviel Energie binden, die für andere Aufgaben des Lebens, die es zu lösen gilt, gebraucht wird. Hier greifen Abwehr- und Schutzmechanismen. Die Seele ist nun mal ein kleiner Teufel, und wie sagt Goethe so schön: "Den Teufel spürt das Völkchen nie, Und wenn er sie bei'm Kragen hätte." Wie ein Heimkind mit der Zeit, die es im Kinderheim verbrachte, umgeht, ist seine Sache. Dabei mag die Selbstinterpretation und die Frage der geschichtlichen Identität, die neu zu bestimmen möglicherweise mangels Lebenserfahrung eher verdrängt wird, noch nicht angesagt sein. Doch abgesehen davon ist ein solches Forum, wie das der ehemaligen Kinder des Heimes Köln-Sülz, ein verlockendes Studienobjekt, und es ist sicher keine angemaßte Prophetengabe zu behaupten, daß der eine oder andere Student der Psychologie oder artverwandter Fächer hier sein Thema für eine Diplomarbeit finden wird. Ob man sachlich dabei über das hinaus kommt, was bereits Homes in seiner Geschichte über sich selbst herausgefunden hat, bleibt freilich abzuwarten.
 
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