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Analytik des Kinderheimes Köln-Sülz! PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von pethens   
Sonntag, 16. Mai 2010
Bekanntlich leidet die Geschichte und Evaluierung der Waisenhäuser und Kinderheime durchgehend an dem Mangel, daß das angewandte pädagogische System in der Vergangenheit mangels Zeugnissen und Quellen zu den Heiminsassen nicht an seinen Folgen gemessen werden kann. Das hat sich im Zuge der Kinderheimbewegung grundlegend geändert. Ehemalige Heimkinder erheben ihre Stimme und berichten von Mißhandlungen und Mißbrauch. In neuerer Zeit ermöglicht zudem das Internet die Vernetzung von Heimkindern, und zwar nicht nur landesweit, sondern auch darüber hinaus. Ein internationaler Austausch wird möglich und es zeigt sich, daß die Erfahrungen sich oftmals gleichen. Unterschiede zeigen sich vor allem aufgrund des jeweiligen Rechtssystems. Trotz allem kann von Kollektiv-Erfahrungen der Heimkinder gesprochen werden. Diese gilt es zu erfassen, zur Diskussion zu stellen und für eine zukünftige Heimpädagogik fruchtbar zu machen.


Gegenwärtig ist die Diskussion in Deutschland vorwiegend auf Mißbrauchsfälle und die Aufarbeitung der Heimerziehung in den 50ziger und 60ziger Jahren fixiert. Dies hat seine Gründe. Was nicht oder noch nicht oder nur ungenügend in den Blick kommt, ist die Entwicklung der jüngeren Zeit, als im Zuge der 68ziger Revolte auch das System "Kinderheim" auf den Prüfstand gestellt wurde. Es wurde nicht nur versucht, einer alten Pädagogik den Garaus zu machen, sondern man führte etwas Neues ein. Allgemein wird das mit "Antiautoritärer Erziehung" bezeichnet. Der Begriff ist ein Abgrenzungsbegriff, der nur signalisiert, was man nicht mehr möchte. Positive Inhalte sind mit diesem Begriff nicht gegeben, doch zeitigte er etwa in der Familienerziehung eine Veränderung der Vaterrolle. Er wurde zum Freund, vielleicht auch zum Kumpel. Gleiches geschah in der Heimerziehung, deren neuere Geschichte unter der Überschrift steht: Der Erzieher als buddy.

Vor dem Hintergrund einer intakten Familie mag diese Entwicklung für Kinder durchaus ein Gewinn gewesen sein. Wie aber sieht es bei Kindern aus, denen der familiäre Rückhalt fehlte, hier vor allem bei Heimkindern, die doch irgendwann, mag die Heimzeit auch als schön und glücklich empfunden worden sein, auf sich allein gestellt waren und sind. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die antiautoritäre Erziehung den Heimkindern in der Lebensbewältigung hilfreicher ist als ein System, das vorwiegend der Durchsetzung einer äußerlichen Ordnung diente?

Mit dem erwähnten Wandel, trat in der Kinderheimerziehung ein neues Element auf. In die Domäne von Frauen drang der Mann vor. Inwiefern er in der Lage war, das Rollenverständnis der männlichen Kinder als Identifikationsfigur zu beeinflussen, dürfte eine zentrale Frage bei der Bewertung der neueren Entwicklung sein. Wichtig ist auch die Frage, ob die Rolle des männlichen Erziehers in der Lage war, den Verlust äußerer Ordnungsvorgaben zu kompensieren oder im Zuge der antiautoritären Erziehung negativ zu verstärken?

Vielleicht ist es noch zu früh, darauf eine Antwort zu geben. Sie müßte zudem eingebettet sein in eine Bewertung des Gesamtsystems. Wichtig sind weitere Aspekte. Wenig beachtet, so scheint es zumindest, wird der Geschlechtsunterschied. Hier wäre zu untersuchen, ob weibliche Probanden Defizite der Heimerziehung anders verarbeiten und ob sie aufgrund des Rollenverständnisses diese leichter kompensieren können als männliche. Die Mutterrolle als psychische Stütze, die fehlende Vaterrolle bei männlichen Probanden als erhöhter Risikofaktor des sozialen Absturzes (sekundäre Verwahrlosung)? Ein wenig beachtetes Phänomen ist zudem die Neigung ehemaliger männlicher Heimkindern zur Eheschließung mit Erzieherinnen. Unklar ist, ob in neuerer Zeit sich ein solcher Trend auch bei weiblichen Heimkindern und männlichen Erziehern zeigt. Ob dieses Phänomen als Ausdruck eines nicht geglückten Abnabelungsprozesses und damit einer unzureichenden Integration in die Gesellschaft oder als individueller Aufstieg in der sozialen Hierarchie zu deuten ist, bedarf der Untersuchung. Eine weitere Auffälligkeit zeigt sich auch im Wandel der Berufsziele. War in früherer Zeit das Leitbild der Kölner Heimpädagogik vorwiegend auf die Erlernung eines Handwerks bzw. bei den Mädchen auf die Vorbereitung auf die Rolle als Frau und Mutter gerichtet, so zeigt sich in jüngerer Zeit ein wachsender Anteil von ehemaligen Heimkindern, die in sozialen Berufen tätig werden. Ob die Heimerziehung hier als Prädisposition oder das Bestreben eines Aufstiegs in der sozialen Hierarchie zugrunde liegt, bedarf ebenfalls der Untersuchung. Auffällig ist, soweit Quellen zugänglich sind, der völlige Mangel an künstlerischen Berufen.

Wie dem auch sei. Das Forum, das für ehemalige Kinder des Kindesheimes Köln-Sülz eingerichtet wurde, ermöglicht, vor dem Hintergrund eigener Erfahrung, die Erstellung einer Analytik, also eines Fragenkomplexes, den sich lohnt, abzuarbeiten. Die Basis dafür bilden konkrete Äußerungen und Schilderungen der Lebensumstände, wie sie, unbeabsichtigt, im Forum gemacht werden. Das Sülzer Kinderheim bietet sich für eine solche Untersuchung idealerweise an, da mit dem Bruch der Erziehungstradition auch ein Austausch des klösterlichen Erziehungspersonals erfolgte. Mag mit diesem Bruch und dem Aufstieg von weltlichen Erzieherinnen in die Gruppenleitung teils deren Radikalisierung in den Methoden einhergegangen sein, so ist doch aufs Ganze gesehen hier vor allem die Diskontinuität von Interesse, die die Herausarbeitung der Unterschiede, soweit vorhanden, ermöglichen kann.

Vor dem Hintergrund des Forums und allgemeiner Kategorien, wie sie als Spätfolgen von Vernachlässigung, Mißbrauch und Mißhandlungen herausgearbeitet wurden, könnte die Analytik des Sülzer Kinderheimes in folgenden Punkten bestehen, auch wenn diese durchaus ergänzungs-, spezifizierungs- und vielleicht auch korrekturbedürftig sein mögen.

1) Jahr der Einweisung
2) Länge des Aufenthaltes
3) Mißhandlungen / Mißbrauch
4) Homosexualisierung
5) Prostituion (männlich / weiblich)
6) Abhängigkeiten: a) Alkoholismus, b) Drogen, c) Medikamente, d)
Suizidgefährdung
7) Therapien: a) medizinische, b) psychologische
8) Kriminalität: a) Eigentumsdelikte, b) Gewaltdelikte
9) Schulbesuch: a) Volksschule / Hauptschule, b) Sonderschule, c)
Realschule, d) Gymnasium / zweiter Bildungsweg, e) Studium:
Fachhochschule, Universität, f) Promotion, g) Habilitation
10) Beruf: a) Handwerk, b) Verwaltung, c) Handel, d) soziale Berufe:
Erzieher, Heimerzieher, Lehrer, Krankenpflege, Geburtshilfe,
Sozialarbeit, Kirche, Polizei, Justiz, e) Tierpflege, f) Journalistik /
Schriftstellerei, g) künstlerischer Beruf
11) Lebensform: a) ledig, b) verheiratet, verpartnert, c) geschieden, d)
monastische Form
12) Lebenspartner aus dem Berufsbereich: a) Handwerk, b) Verwaltung, c)
Handel, d) Polizei und Justiz, e) Kirche, f) Erziehung, Heimpädagogik,
g) Krankenpflege, Altenpflege, Geburtshilfe, h) Tierpflege, i)
Sozialarbeit, j) Journalistik / Schriftstellerei, k) Buchhandel, l)
Wissenschaft

Gewiß, hier sind mehr Fragen als Antworten, doch ohne Fragen zu stellen, wird man keine Antworten finden!
 
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