|
Bei sozialgeschichtlichen Themen ist es allemal nützlich, den Blick über die Landesgrenzen hinweg zu wagen, um zu sehen, wie man in anderen Ländern mit gewissen Problemen und Institutionen umgeht und umgegangen ist. Dies gilt auch für Waisenhäuser. Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation waren Waisenhäuser Einrichtungen der Fürsten und Städte, in ganz wenigen Fällen private Stiftungen. Im 18. Jahrhundert nahmen diese jedoch zu. Zudem gab es Philanthropinum in Dessau, eine entsprechende Einrichtung in Schnepfenthal bei Gotha und in mehreren Städten bestand ein Pädagogium. Es waren Bildungseinrichtungen des Adels und des Bürgertum. Daneben wurde in Halle ein Waisenhaus gegründet, das aus einer Armenschule hervorging. Dieses Waisenhaus ist mit dem Namen August Hermann Francke verbunden. Es wurde Vorbild für viele andere.
Obgleich auch hier der Bildungsaspekt eine Rolle spielte, wurde die ursprüngliche Absicht oft von pietistischen und ökonomischen Aspekten überlagert. Waisenhäuser wurden mit Irren- und Strafanstalten, mit Arbeits- und Krankenhäusern verbunden. Um sie aufrechtzuerhalten, mußten die Kinder in diesen Einrichtungen einen Teil der Unterhaltskosten selbst erwirtschaften. Dies konnte in handwerklicher Arbeit, etwa im Spinnen, bestehen, aber auch im Absingen geistlicher Lieder, wofür der Auftraggeber einen Obolus bezahlte. Gleiches galt für die gesangliche Begleitung bei Beerdigungen oder ähnlichen Anlässen. Dieser religionsökonomische Aspekt beherrschte vielfach den Alltag der Kinder. Wie ein später Ausläufer dieses Brauchs mutet die Sitte des Köln-Sülzer Kinderheimes an, zur Fronleichnamsprozession die Kinder zum Fähnchentragen in die Riehler Heimstätten zu bringen. Dafür gab es zwar kein Geld, aber ein Frühstück und den besten Kakao, den man sich denken kann.
Waisenhäuser kamen nach der Reformation nicht nur in Deutschland, sondern auch in Holland auf. Dort finden sich noch heute umfangreiche Aktenbestände, etwa des Waisenhauses in der berühmten Universitätsstadt Leiden. Es war eine städtische Einrichtung. Hier mag man daran erinnern, daß in der Universitätsstadt Göttingen das Waisenhaus der Theologischen Fakultät unterstand, ein Unikum, das sich vielleicht daher erklärt, daß die geistlichen und schulischen Angelegenheiten eng verbunden in der Zuständigkeit der Kirche lagen. Damit war auch der Schwerpunkt in der Erziehung gegeben. Die Rettung der Kinderseelen stand im Vordergrund. Ökonomischen Zwänge gaben den Einrichtungen eine andere Ausrichtung, manche fielen auch schlicht der Verwahrlosung anheim bzw. wurden aus Kostengründen mit anderen Einrichtungen eng verbunden.
Nun läßt sich in Holland vor dem Hintergrund der bürgerlichen Gesellschaft, die ihre Angelegenheiten selbst regelte und mit ihren Flottenverbänden überall in der Welt sich Kolonien erwarb, eine neue Funktion des Waisenhauses feststellen. Nicht alle Kinder wurden in Waisenhäusern aufgenommen. Uneheliche Kinder etwa waren meist ausgeschlossen. Bei der Auswahl der Kinder für das Waisenhaus spielte offenbar ein spezielles Gruppeninteresse eine Rolle. Dieses läßt sich auch aus der sozialen Herkunft der Leute ablesen, die für den Erhalt der Waisenhäuser spendeten. Meistens war es die Mittelschicht, Handwerker und Kaufleute, die aufgrund der Familienstruktur und der eigenen ökonomischen Situation sich für den Todesfall im Waisenhaus eine Versicherung für ihren Nachwuchs schufen. Diese Entwicklung läßt sich sehr schön am Waisenhaus von Amsterdam ablesen. Zu untersuchen wäre, inwiefern die ähnliche Verfassung der Stadt Köln (Zünfte und Gilden) auch die dortige Praxis bestimmte.
Die Kinder im Amsterdamer Waisenhaus erhielten eine sehr gute Ausbildung. Diese war erforderlich, um sie in das System der Zünfte und Gilden zu integrieren. Doch wachten diese eifersüchtig darüber, daß kein Fremder in ihren Geschäftsbereich eindrang. Mit ihren Kolonien und dem Handelsimperium hatten die Holländer sich jedoch die Möglichkeit geschaffen, die im Waisenhaus ausgebildeten Kinder als Fachkräfte in die Kolonien zu schicken. Die Vereenigde Oost-Indische Compagnie profitierte davon. Die Beziehungen zwischen ihr und dem Waisenhaus in Amsterdam war über viele Jahre hinweg fruchtbar. Die enge Verbundenheit hat sich auch dahin ausgewirkt, daß in den Akten dieser Einrichtung das Schicksal der ehemaligen Waisen verfolgt werden kann. Es wurde eine gewisse Dankbarkeit erwartet. Zudem lag das Erbrecht für unverheiratete Waisen beim Waisenhaus. So trugen auch sie letztlich zum Erhalt dieser Einrichtung bei. Erst als das holländische Handelsimperium durch die Engländer unter Druck geriet, tritt auch im Waisenhaus ein merklicher Verfall ein, der sich darin äußert, daß die Kinder des Waisenhauses nun als Strafe für Fehlverhalten in die Kolonien geschickt wurden. England macht das mit seinen Straftäter und in neuerer Zeit mit Kindern, die man loswerden wollte.
Die Historische Perspektive eröffnet den Horizont für neue Fragen, etwa, wie die ökonomischen Rahmenbedingungen sich auf das pädagogische Konzept der Heimerziehung auswirkten. Besteht etwa ein struktureller Zusammenhang zwischen dem Wirtschaftswunder der frühen Jahre der Bundesrepublik Deutschland und den Erziehungsmethoden, die in den Heimen der 50ziger und 60ziger Jahren angewandt wurden? Hat man die Kinder in den Heimen wirklich vergessen oder sympathisierte man mit den harten Methoden der Disziplinierung, um willige Arbeiter für den Wiederaufbau heranzuzüchten? Auffällig bleibt, daß mit dem Wirtschaftswachstum nach der Reichsgründung 1871 eine Verschärfung der Erziehungsmethoden einherging. Man wollte damit wohl zwei Dinge erreichen, einmal willige Arbeitskräfte heranziehen und zum anderen, die gesellschaftlichen Regel so tief in den Kindern verankern, daß sie dem neu erworbenen Reichtum der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Schicht nicht gefährlich werden konnten. Wenn das zutrifft, dann kann auch die Wirtschaft insgesamt als Nutznießer der Heimerziehung angesehen und an deren Folgekosten beteiligt werden. |